3 Stunden, 1 Mrd. Euro
Soviel kostet sinkende Aufenthaltdauer
Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Österreichs Tourismus erreichte 2011 einen neuen Tiefstwert: die Gäste blieben nur noch 3,64 Tage. Vor fünf Jahren lag dieser Wert bei 4,0 Tagen. Der scheinbar kleine Rückgang von 0,36 Tagen hat in der Realität eine extreme Wirkung. Läge die Aufenthaltsdauer noch auf dem Niveau von 2006, dann wären im Vorjahr unter dem Strich nicht knapp 126 Millionen Nächtigungen, sondern 138,5 Millionen gestanden. Das hat auch extreme Auswirkungen auf die gesamttouristischen Einnahmen: Pro 3 Stunden kürzerer Aufenthaltsdauer (0,125 Tage) verliert Österreichs Tourismus derzeit rund 1 Milliarde Euro an Umsatz (siehe Info-Kasten). Fast der dreifache Wert (8,64 Stunden) ging in den zurückliegenden fünf Jahren verloren. Hochgerechnet kamen damit seit 2006 nicht nur 12,5 Millionen Übernachtungen abhanden (in etwa das Jahresvolumen von Kärnten), sondern auch ein gesamttouristischer Umsatz von rund 3 Mrd. Euro.
Ändern kann Österreich an dem Trend zu kürzeren Aufenthaltsdauern nicht viel, denn es handelt sich um eine weltweite Entwicklung. Die genaue Analyse der zurückliegenden fünf Jahre zeigt aber deutlich, dass nicht alle Märkte eine negative Tendenz aufweisen, ganz im Gegenteil: laut der Zahlen des Marketing-Information-Systems TourMIS hat sich die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste in einem Dutzend Quellmärkte sogar erhöht, in zehn weiteren Quellmärkten ist sie unverändert geblieben.
Jene drei Herkunftsländer mit den höchsten Aufenthaltsdauern in Österreich sind die Niederlande (5,5 Tage), Luxemburg und Belgien (je 5,4 Tage). Aus allen drei Quellmärkten verringerten sich die durchschnittlichen Aufenthalte innerhalb der zurückliegenden fünf Jahre um 0,3 Tage.
Österreichs mit Abstand wichtigster Herkunftsmarkt, die Bundesrepublik Deutschland, hält bei 4,4 Tagen, um 0,4 Tage weniger, als noch 2006. Wobei sich Deutschland nicht einheitlich entwickelt: von den sieben großen Regionen weist Nordrhein-Westfahlen mit 5,6 Tagen die höchste durchschnittliche Aufenthaltsdauer aller Quellmärkte Österreichs auf (also höher noch als die Niederlande), verzeichnete aber zusammen mit Nord- und Mitteldeutschland (5,2 bzw. 4,7 Tage) die stärksten Rückgänge bei den Aufenthaltsdauern: in diesen drei Quellmärkten gingen sie innerhalb der letzten fünf Jahre um je einen halben Tag (0,5 Tage) zurück.
Übertroffen wird diese Negativentwicklung nur noch von Malta und innerhalb Deutschlands von Berlin (je 0,7 Tage weniger) sowie dem diesbezüglich sich am schlechtesten entwickelnden Herkunftsmarkt, Russland: exakt um einen Tag weniger lang blieben im Vorjahr die russischen Gäste in Österreich, als noch 2006. Und dies, obwohl Russland in diesem Zeitraum jener ausländische Quellmarkt war, der mit einem Plus von 850.000 Nächtigungen die absolut stärkste Steigerung aufweisen konnte.
Das Beispiel Russland zeigt, dass kürzere Aufenthaltsdauern nicht zwangsläufig zu weniger Übernachtungen führen müssen. Dasselbe trifft auf viele andere Länder zu, am stärksten auf die Gruppe der EU-Länder: deren Aufenthaltsdauer ging um 0,4 Prozent zurück, die Nächtigungen stiegen aber so stark, dass sie sogar das Minus aus Deutschland um mehr als das Doppelte wett machten.
| Herkunftsmarkt | Nächtigungsdifferenz 2006-2011 | Rückgang Aufenthalt | |
| 1 | Russland |
850.443 | -1,0 |
| Berlin |
-39.259 | -0,7 | |
| 2 | Malta |
-3.589 | -0,7 |
| Nordrhein-Westfalen | -1.145.995 | -0,5 | |
| Norddeutschland | -539.629 | -0,5 | |
| Mitteldeutschland | -527.134 | -0,5 | |
| 3 | Südafrika, Rep. | -9.902 | -0,5 |
| 4 | Island | -1.541 | -0,4 |
| Baden Württemberg | 279.261 | -0,4 | |
| 5 | Lettland | -15.075 | -0,4 |
| 6 | Deutschland | -1.364.478 | -0,4 |
| EU-Länder | 1.528.215 | -0,4 |
Mehr über jene Quellmärkte, die sich Dank steigender oder gleichbleibender Tendenz gegen diesen Trend der sinkenden Aufenthaltsdauern entwickeln, in der kommenden T.A.I.
Wenige Stunden, große Wirkung
Österreichs gesamttouristische Einnahmen beliefen sich laut Statistik Austria zuletzt (2010) auf 29,5 Mrd. Euro. Aus den 124,88 Millionen damals erzielten Übernachtungen errechnen sich Tagesausgaben von 236,50 Euro. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer lag 2010 bei 3,7 Tagen und damit um 0,1 Tage niedriger als im Jahr davor.
Wäre die Aufenthaltsdauer 2010 unverändert geblieben, hätten die Nächtigungen ein Volumen von 128,55 Millionen ergeben. Die Differenz von 3,67 Millionen Übernachtungen entspricht gemessen an den Tagesausgaben einem gesamttouristischen Einnahmen-Volumen von knapp 870 Mio. Euro, das aufgrund der niedrigeren Aufenthaltsdauer von 0,1 Tagen verloren ging. In Stunden ausgedrückt beträgt ein Rückgang um 0,1 Tage exakt 2,4 Stunden. Bei 3 Stunden (0,125 Tage) liegt der Entgang somit bei 1 Mrd. Euro.


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