Für Gesundheit nicht zuständig
Eine kuriose Meldung geisterte gegen Jahresende durch die Medien: Der US-Kongress habe Pizza offiziell „zu Gemüse erklärt“. Nun traut man den Amerikanern inzwischen ja einiges zu, vor allem seit die Konservativen mit ihrer Fundamentalopposition gegen die Obama-Administration immer öfter ins Absurde geraten, aber das klingt doch zu blöd, um wahr zu sein.
Tatsächlich ging es gar nicht um die Pizza, sondern um die Tomatensauce, mit der sie bestrichen ist. Die Republikaner haben mit ihrer Mehrheit im Kongress verhindert, dass eine 15 Jahre alte Richtlinie des Landwirtschaftsministeriums für die Schulverpflegung geändert wird. Diese rechnet die „Tomatenpaste“ samt Pizza dem vorgeschriebenen Gemüseanteil zu, obwohl auf einer Pizzaschnitte nicht mehr als zwei Teelöffel verteilt werden. Abgelehnt wurde auch die Reduzierung „dickmachender“ Gemüse wie Kartoffeln. Mit Pizza und Pommes wären die beliebtesten Gerichte aus dem Menü der Schul-Cafeterias weitgehend herausgefallen. Begründung der Ablehnung: Die Kosten der Verpflegung würden steigen und es stehe der Regierung nicht zu, den Kindern vorzuschreiben, was sie zu essen haben.
Zu Ehren der Amerikaner sei festgehalten: In der Öffentlichkeit kam die Blockade dieses bescheidenen Versuches, den rasanten Zuwachs an adipösen Bürgern einzubremsen, die in den USA mit fast 34 Prozent Anteil mit großem Abstand an der Weltspitze liegen, gar nicht gut an. Der Vorwurf, hier würden kommerzielle Interessen der Gesundheit der Kinder vorangestellt, war lautstark vernehmbar. Die seriöse „New York Times“ berichtete, es sei der Tiefkühlpizza- und Kartoffelindustrie einen „Lobbying-Aufwand“ von rund sechs Mio. Dollar wert gewesen, das Pizza- und Pommesgeschäft mit den 32 Mio. Kindern zu sichern, die Schul-Cafeterias besuchen.
Österreich liegt mit einem Anteil von 12,4 Prozent an fettleibigen Bürgern nicht nur weit besser als die USA, sondern auch nur knapp hinter den 11,2 Prozent von Schweden, das mit seinen Bemühungen um gesunde Ernährung gerade der Kinder als Vorbild angesehen wird. Dass aber bereits 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig und acht Prozent im schulpflichtigen Alter echt fettleibig sind, mit steigender Tendenz, macht Sorgen. Das Gesundheitsministerium hat eine auf zweieinhalb Jahre angelegte Kampagne begonnen, die auf ein gesünderes Angebot der Schulbuffets ausgerichtet ist und sich an deren Betreiber wendet. Ob dafür ganzseitige Inserate in der Tagespresse mit der Headline „Gesünder essen“ sinnvoll sind und mehr bringen, als Imagewerbung für den Gesundheitsminister, mag dahingestellt bleiben. Auch eine „Leitlinie für gesündere Schulbuffets“ wurde vorgelegt, in der Ernährungswissenschaftler Mindeststandards mit praktischen Umsetzungstipps zusammengestellt haben. Im Verhältnis zu den gängigen Ernährungsgewohnheiten sind sie nicht so unrealistisch, wie ähnliche Regelwerke, sie zielen auf eine schrittweise Umstellung des Angebotes ab. Sogar Pizza ist zugelassen, allerdings nur als „Margherita“ – mit Tomatenaufstrich. Insgesamt trifft aber die Einschätzung zu, dass alles, was Kinder lieben, verpönt ist und alles, was sie nicht mögen, empfohlen wird. Ein Vollkornbrot mit Gemüseaufstrich oder ein Grahamweckerl mit Magerkäse, einem Salatblatt und Gurkenscheiben, dazu Mineralwasser, stark verdünnter Apfelsaft oder Buttermilch werden Kinder schwerlich vom Burger und Cola weglocken.
Dass auch diese Aktion keine messbaren Ergebnisse bringen wird, hat den gleichen Grund, wie bei den meisten Bemühungen um gesündere Ernährung: Die Gastronomie, zu der ja auch die Schulbuffets gehören, ist der falsche Ansatzpunkt. Von ihr sind noch nie Ernährungstrends ausgegangen oder verändert worden, sie hat nur Verstärkerwirkung für gesellschaftliche Entwicklungen. Das zeigt auch die Feststellung des Gesundheitsministeriums, dass ein Drittel der schulpflichtigen Kinder nicht frühstückt und die Hälfte keine Schuljause mitbekommt. Was hier schief läuft, lässt sich über die Schulbuffets nicht korrigieren. Dass sich Burger und Pizza bis in die letzten Winkel der Welt durchgesetzt haben, hat einen entscheidenden Grund: Das schmeckt einfach den meisten Menschen. Promigastronom Toni Mörwald, der sich mit seiner Zusammenarbeit mit McDonald’s ins Gerede gebracht hat, brachte es in einem Interview auf den Punkt: „Gemüse wird nie Mainstream werden.“ Die Versuche, „Fast Food“ (das übrigens noch niemand definiert hat) generell als minderwertig darzustellen, sind lächerlich: Gute und schlechte Betriebe gibt es natürlich in jedem Bereich, aber so genau kontrolliert wie etwa McDonald’s wird sicher kein anderes Gastronomieunternehmen. Und wer sich täglich eine Burenwurst oder eine Leberkässemmel hineinzieht, ernährt sich nicht gesünder, als mit Burger und Pizza.
Der Gastronomie Verantwortung für gesunde Ernährung zuzuschieben, geht an der Realität vorbei und ist daher wirkungslos: Dafür ist sie nicht zuständig.


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