Brisantes Material beinhaltet der soeben vom Wirtschaftsministerium veröffentlichte „Bericht über die Lage der Tourismus- und Freizeitwirtschaft in Österreich 2010“. Auf den ersten Blick sieht zwar alles recht erfreulich aus, doch bei näherer Betrachtung ist das Gegenteil der Fall. Die auf den Seiten 51 bis 61 dargestellte Situation für Österreichs Hotellerie ist – vor allem im mehrjährigen Vergleich – alles andere als günstig. Der Ertragsrückgang (Preise steigen unter der Inflationsrate, Aufwand legt zum Teil kräftig zu) hat in Kombination mit der geringen (zum Teil negativen) Eigenkapitalausstattung und der knappen Liquidität dazu geführt, dass die wirtschaftliche Stabilität weiter beeinträchtigt wurde. Fazit: „Sobald die derzeit niedrig gehaltenen Zinsen wieder ansteigen, sind besonders bei den hoch verschuldeten Unternehmen Zahlungsengpässe zu befürchten.“
Weiter heißt es: „Das im Durchschnitt ohnedies knappe Ergebnis auf der Auslastungs- und vor allem auch auf der Preisseite wird weiterhin unter Druck kommen. Dies wird die wirtschaftliche Stabilität einiger Unternehmen – vor allem solcher mit suboptimalen Betriebsgrößen und der unteren Qualitätsklassen – auf eine harte Probe stellen.“
Zwar sind die durchschnittlichen Einnahmen pro Unternehmen in der 3-Sterne-Kategorie, die 2009 bei rund 700.000 Euro lagen, im Vergleich zu 2008 (damals waren es 643.000) gestiegen und auch bei den Unternehmen der 4/5-Sterne-Kategorie wurde mit durchschnittlichen Einnahmen von rund 1,8 Mio. Euro das Niveau von 2008 (1,6 Mio. Euro) beträchtlich übertroffen, doch von den erzielten Preisen her konnte aufgrund des nationalen und internationalen Konkurrenzdrucks lediglich die Inflationsrate ausgeglichen werden (im 3-Sterne Sektor nicht einmal das). Im längerfristigen Vergleich blieben die Preise sogar generell unter der Inflationsrate.
Damit nicht genug, stiegen in der langfristigen Entwicklung des zurückliegenden Jahrzehnts die operativen Ausgaben stärker als die Einnahmen. Einige Aufwandspositionen (z.B. Energie) haben sich weit überdurchschnittlich verteuert. Die Folge davon: das operative Ergebnis (GOP – Gross Operating Profit bzw. Cashflow vor Zinsen) ging vor allem bei den Unternehmen der 4/5-Sterne-Qualität zurück und zwar um ein Siebentel von 25,7 Prozent im Jahre 2000 (gemessen am Umsatz) auf 22,2 Prozent im Jahre 2009.
In der 3-Sterne-Kategorie kam es im selben Zeitraum zu einem Rückgang von 24 Prozent auf 23 Prozent. Der durchschnittliche GOP pro Zimmer erreichte 2009 bei den Unternehmen der 5/4-Sterne-Kategorie 7.800 Euro. Die Unternehmen der 3-Sterne-Kategorie kommen auf 5.200 Euro pro Zimmer.
Nicht einmal die zuletzt positive Entwicklung des Cashflows nach Zinsen kann bei näherer Betrachtung als Positiv-Trend angesehen werden: denn dessen Steigerung (sie war 2009 sowohl im Bereich der 3-Sterne- als auch 4/5-Sterne-Kategorie feststellbar) ist nicht auf bessere wirtschaftliche Verhältnisse zurückzuführen, sondern auf die ungewöhnlich niedrigen Zinsen. Diese kommen der Hotellerie nur in abgeschwächter Form zu gute: dem 1,2 Prozent 3-Monats-Euribor stehen 4,4 Prozent Zinsen gegenüber, welche 4/5-Sterne Hotels im Durchschnitt zu zahlen haben. Das ergibt eine Differenz von satten 3,2 Prozent!
All diese Entwicklungen haben negative Auswirkungen auf Eigenkapitalbildung und Entschuldungsdauer. Diesbezüglich gab es zwar in den letzten Jahren eine Verbesserung (positives Eigenkapital von 7,1 Prozent in der 4/5-Sterne-Kategorie), doch diese ist über weite Strecken auf eine Neubewertung der Aktiva zurückzuführen. Bereits das Jahr 2009 brachte für die Unternehmen der 3-Sterne-Kategorie wieder eine Verschlechterung. Das negative Eigenkapital in diesem Bereich liegt nunmehr bei minus 3,6 Prozent. „Die Erosion der Erträge hat den finanziellen Spielraum der Unternehmen eingeengt“, heißt es in dem Bericht.
Derzeit können mehr als die Hälfte der Unternehmen die vom Unternehmens-Reorganisations-Gesetz (URG) geforderte Grenze einer Entschuldungsdauer von maximal 15 Jahren nicht einhalten. Dies bedeutet, dass sich eine Vielzahl von Unternehmen der Tourismuswirtschaft in einer wirtschaftlich angespannten Situation befindet. So weist etwa das schlechteste Quartal der 3-Sterne-Hotellerie (ein Viertel der Stichprobe) eine Eigenkapitalausstattung von minus 44 Prozent und eine Entschuldungsdauer von 25 Jahren und mehr aus. „Diese Betriebe sind bei Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen extrem gefährdet“, fasst der Bericht über die Lage der Tourismus- und Freizeitwirtschaft in Österreich zusammen. Es wird interessant zu beobachten sein, wie die verantwortlichen Stellen in der Politik diese Thematik behandeln werden.
Steigende Vollbelegstage & Betriebsgröße
Die Unternehmen der 4/5-Sterne-Kategorie konnten zwischen 1997 und 2009 ihre Auslastung von 153 auf 182 Vollbelegstage verbessern, die 3-Sterne-Betriebe legten im selben Zeitraum von 103 auf 128 VBT zu. Die Betriebe der 1/2-Sterne-Kategorie erzielten lediglich eine Steigerung von 70 auf 88 VBT. Eine wirtschaftliche Betriebsführung ist bei dieser Auslastung nicht möglich.
Die durchschnittliche Betriebsgröße stieg von durchschnittlich 40 Betten pro Betrieb im Jahr 2000 auf 43 Betten im Jahr 2009 (im Bereich der 5/4-Sterne-Kategorie durchschnittlich 99 Betten, im Bereich der 2/1-Sterne-Kategorie 22 Betten). Im internationalen Vergleich besteht nach wie vor ein beträchtlicher Rückstand. Die Betriebsgröße liegt in den EU-27-Ländern bei durchschnittlich 57 Betten.
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