Veranstaltungsmanagement

Reingefallen – Scheinkonferenz!

ACB-Magazin Juni 2019

Ein Beitrag vom Veranstaltungsmanagement der Universität Wien

Man könnte glauben, die Wissenschaft sei davor gefeit, auf betrügerische Machenschaften hereinzufallen. Weit gefehlt. Seit einigen Jahren etabliert sich nach und nach ein komplett neuer Wirtschaftszweig. Die fake science conference industry.

Man kennt die daraus resultierenden Events auch unter den Bezeichnungen scam, predatory oder junk conferences. Die Grenze zwischen gefälschten und qualitativ minderwertigen Konferenzen, die so konzipiert wurden, dass sie als legitime wissenschaftliche Konferenzen erscheinen, ist fließend. Für die in der Regel schlecht organisierten Konferenzen werden hohe Teilnahmegebühren verlangt, die eingereichten Forschungsergebnisse werden kaum oder gar nicht durch FachkollegInnen begutachtet.

junk conferences & fake science industry

In den USA organisieren einige Veranstalter jedes Jahr Hunderte von junk conferences in verschiedenen Themenbereichen. Natürlich macht die fake science industry auch vor Europa nicht halt.

„Um weiterhin international als seriöser Forschungsstandort und Wissensvermittlerin wahrgenommen zu werden, achtet die Universität Wien verstärkt darauf, unseriösen Anbietern von Konferenzen keine Räume zu vermieten. Da die Betrüger aber immer ausgefeiltere Tricks anwenden, um ihren Veranstaltungen den Anschein von ehrlicher Wissenschaftlichkeit zu geben, wird das Erkennen von fake/predatory conferences immer komplizierter und aufwändiger“, skizziert Mag. Dr. Johannes Sorz vom Büro des Rektorats der Universität Wien die besorgniserregende Entwicklung und ergänzt: „In Verdachtsmomenten arbeiten ExpertInnen mehrerer Einrichtungen der Universität zusammen, um eine möglichst geringe Fehlerquote zu gewährleisten.“

Täuschung mit nicht angefragten Keynote-Speakers

Die Geschädigten sind vor allem aber bei weitem nicht nur junge WissenschaftlerInnen, wie der Fall eines renommierten Professors aus München zeigt. Der erfahrene Wissenschaftler wurde als Vortragender für einen vermeintlichen Weltkongress in Dubai, bei dem sich letztendlich nur 30 TeilnehmerInnen einfanden, als Aushängeschild „missbraucht“, um Konferenzgebühren zu lukrieren.

„Die gute Nachricht ist, es gibt Initiativen wie – think.check.attend – die bei der Wahl einer seriösen Konferenz helfen und zusätzlich steigt die Awareness innerhalb der Scientific Community gegenüber den betrügerischen Anbietern“, bemerkt Falk Pastner, MBA, Leiter des Veranstaltungsmanagements der Universität Wien. „… die weniger gute“, ergänzt er, „für Locations gibt es noch kein Regelwerk, in dem steht, wie man tunlichst keinem Scheinkonferenzveranstalter auf den Leim geht.“

Und so sehen beliebte Veranstaltungsorte ihren guten Ruf durch Fake Konferenzen ernsthaft bedroht. Die Veranstalter dieser täuschen nicht nur mit herausragenden WissenschaftlerInnen als Keynote-Speakers, die nicht einmal angefragt wurden, sondern auch mit Locations, die dem wissenschaftlichen Charakter der Scheinkonferenz Glaubwürdigkeit verleihen sollen. Universitäten zum Beispiel.

Wie kann so etwas funktionieren?

Ganz einfach, ein Veranstalter reserviert z.B. einen Raum für ein paar Stunden für eine „Tagung“ an einer namhaften wissenschaftlichen Einrichtung. Auf der Webseite zur Tagung und in der E-Mail-Akquise von TeilnehmerInnen wird nun mit der Universität als Austragungsort geworben. Dass nur ein Raum für wenige Stunden gebucht ist, wird nicht erwähnt. Aus den wenigen Stunden, die an der wissenschaftlich hochrangigen Location gebucht sind, werden dem Anschein nach plötzlich drei Konferenztage an einer namhaften Universität in einer wunderbaren Stadt. (Eine Änderung des Veranstaltungsortes ist vorbehalten, liest man dann meistens auf der Webseite). Wer würde hier auf den ersten Blick annehmen, dass es sich um einen Fake handelt?

Die Beschreibung und das Anmeldeprozedere auf der Webseite wirken dem Anschein nach echt. InteressentInnen zahlen daraufhin mehrere hunderte Euro oder Dollar an Teilnahmegebühren ein – für eine Konferenz, die dem Anschein nach an einer namhaften Universität abgehalten wird, die aber in den seltensten Fällen auch wirklich stattfindet. Und wenn doch, gibt es kein angemessenes wissenschaftliches Programm und die Zahl der TeilnehmerInnen ist gering.

Bei Nichtstattfinden der Konferenz werden die Teilnahmegebühren selbstverständlich nicht rückerstattet. Das Geld ist weg. Falls eine wissenschaftliche Arbeit eingereicht wurde, inhaltlich meistens auch diese. Für WissenschaftlerInnen und Studierende ist das in Zeiten, in denen das Budget knapp ist und Publikationen genauso wie Konferenzteilnahmen für die weitere Berufslaufbahn maßgeblich sind, mehr als bitter. Für den Ruf einer Universität bedeutet das einen Imageschaden, den sich keine Forschungseinrichtung leisten will.

Hoher finanzieller Schaden

Und da manchmal der Betrug eben derart konkret ist, dass bereits ein Veranstaltungsort akquiriert, ein öffentliches Gebäude, eine Sehenswürdigkeit oder ein erstklassiges Konferenzhotel reserviert wurde, kann auch für den Host – abgesehen vom Imageschaden – ein finanzieller Schaden entstehen, der sich durchaus jenseits der zehntausend Euro bewegen kann.

„Unterschiedliche Einrichtungen und Fachleute der Universität Wien arbeiten gemeinsam an einer Richtlinie, wie bei der missbräuchlichen Verwendung des Namens der Universität Wien als Host oder Co-Veranstalterin gegen die „fake science conference
industry” vorgegangen werden könnte und wie man sich bereits im Vorfeld gegen einen Betrug und die Auswirkungen schützen kann“, so Falk Pastner. Er rät abschließend: „Bis dahin heißt es für uns Hosts verstärkt „think, check, confirm“ und gegebenen Falls „report“ an die zuständige Behörde.“

 

Wie kann ich mich als Host vor Scheinkonferenzen / Predatory (Fake) Conferences schützen?

•          Informieren Sie sich gründlich über die VeranstalterInnen.

•          Checken Sie die VeranstalterInnen auf LinkedIn oder Twitter.

•          Verfügt die mit der Konferenz verbundene Organisation über eine Website?

•          Erwähnt die Website die Konferenz?

•          Verfolgen Sie die Links! Wohin führen Sie diese?

•          Wer sponsert die Veranstaltung?

•          Gibt es ReferenzkundInnen des Veranstalters?

•          Gibt es online negative Kommentare oder Bewertungen?

•          Verlangen Sie die Namen der Komitee-Vorsitzenden oder der

            Verantwortlichen des wissenschaftlichen Beirats.

•          Gibt es einen Bericht über die Konferenz des Vorjahres? (Es sei denn, dies ist eine

             neue Konferenz.)

•          Bestehen Sie auf ein Deposit.

 

Kennzeichen von Scheinkonferenzen / Predatory (Fake) Conferences*

•          Heißen oft ähnlich wie bekannte Fachtagungen (IntelliSys -> InteliSys)

•          Kommerzielles Interesse > wissenschaftliche Qualität

•          Oft kein Peer Review, alle eingereichten Beiträge werden angenommen

•          Oft an exquisiten Orten

•          Extrem volles Programm mit wenigen und sehr kurzen Pausen

•          Häufig von predatory publishers organisiert; Beispiel: OMICS Conferences (haben 2017

            etwa 3.000 Konferenzen organisiert)

•          Prominente WissenschaftlerInnen werden als Vortragende/ModeratorInnen genannt

•          Hohe Konferenzgebühren (> $ 1000)

 

 

*Quelle: Federal Trade Commission (2016)

FTC Charges Academic Journal Publisher

OMICS Group Deceived Researchers.

Press Release August 26, 2016

Liste weiterführender Links zum Thema Scheinkonferenzen / Predatory (Fake)

Conferences

Initiative – Think. Check. Attend.
[https://thinkcheckattend.org/]

Wikipedia – Predatory conference
[https://en.wikipedia.org/wiki/Predatory_conference]

University Affairs – Poor-quality, predatory conferences prey on academics (Alex Gillis, 05.03.2018)
[https://www.universityaffairs.ca/news/news-article/poor-quality-predatory-confere nces-prey-academics/]

Die Zeit online – Tagen im Zwielicht

(Martin Spiewak, 25.10.2017) [https://www.zeit.de/2017/44/wissenschaftskonferenzen-pseudokonferenzen-waset]

AuthorAID – What are ‘predatory’ conferences and how can I avoid them? (06.02.2017) [http://www.authoraid.info/en/news/details/1156/]

Diesen und weitere Artikel finden Sie auch unter magazin.acb.at.

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